Am Mittwoch, dem 4. Juni 2008 wurden im Raum Neunkirchen/Saar bei insgesamt drei Antifaschisten Hausdurchsuchungen durchgeführt. Die Wohnungen wurden alle zeitgleich durchsucht. Insgesamt waren zehn Beamte des Landeskriminalamtes (Abteilung Staatsschutz) im Einsatz. Wie sich herausstellte, läuft gegen die drei Betroffenen bereits seit längerer Zeit ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der besonders schweren Brandstiftung, des Landfriedensbruch sowie der versuchten gefährlichen Körperverletzung. Gesucht wurde nach Vermummungsgegenständen, Schusswaffen mit Leuchtmunitionsaufsatz und Bestandteilen für so genannte Molotow-Cocktails.
Den Betroffenen wird vorgeworfen, am 13. Januar an einer Aktion beteiligt gewesen zu sein, in deren Verlauf der Neunkircher Naziladen „First Class Streetwear“ entglast und mit Farbe besprüht wurde. Die drei Antifas wurden zudem auf die Neunkircher Polizeiwache gebracht, einer erkennungsdienstlichen Behandlung unterzogen und teilweise über mehrere Stunden hinweg verhört. Die Hausdurchsuchungen sind nach Einschätzung der Jugendantifa Saar und der Antifa Saar/Projekt AK in Zusammenhang mit verstärkten Repressionsmaßnahmen gegen die Antifa-Szene im Raum Neunkirchen zu sehen. Diese hat sich in den vergangenen Monaten stark entwickelt und ist mit mehreren Aktionen an die Öffentlichkeit getreten. Außerdem kam es in Neunkirchen verstärkt zu Auseinandersetzungen mit Neonazis.
Neben zahlreichen Ermittlungsverfahren hat die Polizei einen so genannten szenekundigen Beamten eingesetzt, dessen Aufgabe in erster Linie darin besteht die Neunkircher Antifa Szene auszuspionieren. Dieser Beamte hat sich auch an den jetzigen Hausdurchsuchungen beteiligt.
Die Hausdurchsuchungen und die anderen Repressionsmaßnahmen lassen zur Zeit darauf schließen, dass es sich dabei um willkürliche Maßnahmen handelt die zur Einschüchterung und zur Durchleuchtung der Szene dienen sollen und weniger um die Folge konkreter Ermittlungsergebnisse.
Ziel und Zweck staatlicher Repressionsmaßnahmen sind auch immer die Be- und Verhinderung antifaschistischer Arbeit.
Macht keine Aussagen bei Polizei und Repressionsorganen!
Lasst euch nicht Einschüchtern!
Unterstützt die Betroffenen Antifaschisten und unterstützt eure lokale Antifa Gruppe!
Antifa Saar / Projekt Ak und Jugendantifa Saar sowie weitere UnterstüzerInnen.
Weitere Informationen:
www.rote-hilfe.de - politische und materielle Unterstützung für Repressionsbetroffene und Rechtshilfetipps
www.aussageverweigerung.info - Kampagnenseite der Roten Hilfe zu Aussageverweigerung und Verhörmethoden
Jingle zur Aussageverweigerung im mp3-Format
23C3 "Sie haben das Recht zu schweigen"
Videomitschnitt des Vortrags "Sie haben das Recht zu schweigen" von Udo Vetter (lawblog.de) auf dem 23. Chaos Communication Congress
hier gehts zum Video des Vortrags
> > > mehr Infos
beim ChaosComputerClub
Erklärung der DKP Neunkirchen zu den Hausdurchsuchungen:
DKP Neunkirchen:
Solidarität mit Neunkircher AntifaschistInnen und dem JUZ Neunkirchen
Die DKP Neunkirchen protestiert gegen die Hausdurchsuchungen und vorrübergehende Festnahme von drei Antifaschisten im Raum Neunkirchen durch das Landeskriminalamt (Abteilung Staatsschutz) Anfang Juni. Wir sehen darin in erster Linie eine weitere Steigerung in der Kriminalisierung von Antifaschistinnen und Antifaschisten. Anlass der Polizeiaktion war eine Aktion im Januar gegen den damaligen Naziladen in Neunkirchen. Den betroffenen Antifaschisten wird unterstellt, an der damaligen Aktion beteiligt gewesen zu sein. Offensichtlich bespitzelt der Staschu die Neunkircher antifaschistische Szene schon seit längerem.
Wir fordern die Einstellung der Ermittlungsverfahren gegen die Betroffenen und die Beendigung der Bespitzelung der antifaschistischen und linken Gruppen durch Polizei und „Verfassungsschutz“. Wir sind solidarisch mit allen Neunkircher AntifaschistInnen.
Zugleich sind wir solidarisch mit dem JUZ Neunkirchen, auf das in den letzten Wochen wiederholt Anschläge verübt wurden und Besucher und Aktive des JUZ von Neofaschisten angegriffen wurden. Empörend ist, dass die Neunkircher Polizei die Anschläge bagatellisiert und offensichtlich nichts unternimmt, um die nächtlichen Steinewerfer zu ermitteln. Neofaschistische Schläger werden nach Feststellung der Personalien wieder laufen gelassen.
Das JUZ Neunkirchen ist nicht identisch mit der Antifa, doch antifaschistische Aktivitäten werden unterstützt. Wir haben den Eindruck, dass dies in Neunkirchen politisch nicht gewollt ist und abgewartet wird, dass die Aktiven des JUZ mürbe gemacht werden.
Diese Verhaltensmuster sind weder neu noch auf Neunkirchen beschränkt. Mit wenigen Ausnahmen ist es in der BRD üblich, dass gegen AntifaschistInnen und andere Linke staatliche Repression eingesetzt wird und Kriminalisierungskampagnen geführt werden. Neofaschistische Aktivitäten im allgemeinen werden von staatlichen Institutionen, den neoliberalen Parteien und Medien heruntergespielt; gehen Neofaschisten gegen Linke vor, werden diese verantwortlich gemacht.
In Neunkirchen hat sich OB Decker leider vor einigen Monaten ebenfalls eingereiht, als er in der Saarbr. Zeitung im Zusammenhang mit der Schließung des Naziladens erklärte, Neofaschisten und Antifaschisten würden sich gegenseitig bedingen. Wenn der Naziladen einmal weg sein, verliere sich auch die Antifa-Szene und auch die Neonaziszene. OB Decker irrt mehrfach.
Solidarität unter den Linken!
Schluss mit der Bespitzelung! Für ein Verbot der NPD und aller neofaschistischen Organisationen und Gruppen!
Neunkirchen, 12.06.08
Deutsche Kommunistische Partei
Kreisvorstand Neunkirchen
Rainer Dörrenbecher
(Sprecher des Kreisvorstandes)
Hintergrund:
Die Ereignisse vom 13. Januar 2008 um den Neunkircher Naziladen aus Sicht der Saarbrücker Zeitung, Lokalteil Neunkircher Rundschau vom 22. Februar 2008
Die Saarbrücker Zeitung berichtet in üblicher Manier. Rechts und Links werden als die beiden Seiten der gleichen Medaille dargestellt. Antifaschistischer Widerstand wird diffarmiert. Durch die Gleichsetzung findet eine Entpolitisierung der Geschehnisse statt und es wird ein generelles "Extremismusproblem" konstatiert. Vergessen wird dabei allerdings, dass es erst das Engagement zahlreicher AntifaschistInnen war, das das "Problem Naziladen" ins öffentliche Bewusstsein brachte.